Im Land der 1000 Störche…

Labdien,

die weißen Nächte sind da. Im Norden geht die Sonne nicht unter und es sieht wie ein langanhaltender Sonnenuntergang aus. Wunderschön, aber schlecht zum Sterne gucken… Und es ist Sommer!!!! Seit über einer Woche schon um die 30° C…

Dieses Wochenende waren Henrike und ich mit einer gemischten Gruppe Lettinnen, internationalen Studenten und einem Russian-Speaking-Latvian Busfahrer in Lettgallen, im Südosten von Lettland. Auf dem Land!!! Mei, war das schön!!!!

Auch wenn Riga für eine Stadt ihrer Größe sehr grün ist, ist es doch was anderes mal wieder richtig auf dem Land zu sein.

Los ging’s Samstag früh am Origo im Minibus. Samt Busfahrer waren wir 21 Menschen. Den ersten Stop machten wir an einer Tankstelle 😉 . Es gab lange Schlangen vor dem Klo und leckeres Hühnchensandwich.

Weiter ging unsere Reise nach Daugavpils, der deutsche Name ist Dünaburg (kommt vom Fluss Daugava: zu deutsch: Düna). Dort wurden wir von einem rothaarigen, lokalpatriotischem Energiebündel zwecks Stadtführung in Empfang genommen. Zunächst liefen wir durch die Stadt. Dies geschah in dem wir bei (fast) jeder Statue Halt machten und auch noch schnell das lokale Kunstmuseum durchquerten. Henrike und ich vermuten, das dies wohl daran liegt, das es nicht all zu viel zu sehen gibt, in der zweitgrößten Stadt Lettlands. Allerdings war in der Fußgängerzone mehr los als in Kaunas, bedeutend mehr und obwohl Daugavpils nur 4 oder 5 Jugendstilhäuser (ist eben nicht Riga) präsentieren konnten, hat uns die Stadt sehr gefallen. Dort leben oder studieren muss nicht sein, aber es lohnt sich schon mal was anderes als nur Riga kennen zu lernen, wenn man nach Lettland will. Man merkt auch schon, dass dort viele Russian speaking Latvians wohnen, da sie mich ein wenig aber auch nur ein wenig an Pskow erinnerte. Allerdings viel belebter und schöner. Und ich kann sagen, dass wir auch hier in Daugavpils wieder ein Indiz mehr gefunden haben, dass Jānis Rainis und nicht Krišjānis Barons der bedeutenste Lette aller Zeiten ist. Rainis steht nämlich als Statue vor der Daugavpils Universität. Außerdem stellte ich gerade fest, dass Rainis‘ Wikipedia Eintrag viel länger als der von Barons ist und es diesen in 3 Sprachen mehr gibt.

Nach einer kurzen innerstädtischen Busfahrt besuchten wir die Zitadelle in Daugavpils. Sie ist die einzige noch erhaltene ihrer Art in Osteuropa und wird gerade mit EU-Geldern renoviert. Im Scherz meinte ich zu Henrike, dass wir (die Deutschen einschließlich Inge unserer Niederländerin, die (Niederländer an sich) übrigens per-capita mehr als die Deutschen an die EU zahlen) Erasmus doch nur machen um zu schauen, was mit unserem Geld gemacht wird. Ich muss sagen, ich bin (nach wie vor) begeistert von der Union. Die wirklich gut erhaltene Zitadelle, die zu russischer Zeit 1810 im Eiltempo gebaut wurde, dank dem bevorstehenden Krieg mit Frankreich, könnte in Zukunft Touristen aus nah und fern anlocken und somit auch Geld, was die strukturschwache Region dringend braucht.

Nach einer weiteren Busfahrt vorbei am Gefängnis, was in einer Burg oder ähnlichem untergebracht ist, auf jeden Fall nicht sehr wohnlich aussieht, erreichten wir die Kirchliche Anhöhe. Hier stehen in unmittelbarer Nachbarschaft eine lutherische Kirche, eine katholische Kirche, eine russisch-orthodoxe Kathedrale und ein russisch-altgläubiges Bethaus (sie nennen ihre Tempel nicht mehr Kirchen seit ihrer „Abspaltung“ von der Orthodoxen Kirche).

Nachdem wir uns dann von unserer Stadtführerin verabschiedeten ging es weiter in ein Russisch-Altgläubigen Dorf. Es liegt an der Daugava und wirkt sehr, sehr idyllisch. Nur die Sat-Schüsseln passten nicht so rein. Aber das ist ja der Unterschied zwischen Amish und Russisch-Altgläubigen: Russisch-Altgläubige verwehren sich neuen Technologien nicht komplett (auch wenn sie damit sicher anderst umgehen als ein „normaler“ Mensch). Nach dem Spaziergang durch’s Dorf ging es weiter ins ethnografische Museum, wo wir ein Dorf um 1900 vorgefunden haben. Nach interessanten Geschichten rund ums prä-moderne Dorfleben (die Mädels schliefen in der Scheune, damit sie nachts Besuch empfangen konnten…), gab es zu essen: Sehr leckeres Brot (ich hab mich inzwischen echt daran gewöhnt, das Brot hier nach Kümmel und süß-malzig schmeckt) mit Kräuterbutter und Käse, sowie einem fetten Hafergrützeschleim (was auch immer das war, er liegt mir immer noch schwer im Magen, 30 Stunden später) und Quarkklößen sowie gezuckertem Tee und Schnaps.

Nach diesem deftigen Mittagessen fuhren wir weiter zur Basilika von Aglona. Neben der Basilika entspringt eine Heilquelle, deren Wasser wir uns natürlich auch über die Hände fließen ließen. Schaden kann’s nicht.

Danach verfuhren wir uns ein wenig um dann schließlich im Gästehaus am See anzukommen. Dort erwartete uns dann schon wieder Essen. Ich hab wirklich fast nichts runterbekommen, das fette Mittagessen lag mir echt zu schwer im Magen und ich hatte deswegen schon fast ein schlechtes Gewissen, weil die Kalte Suppe (lettisch-litauisch-polnische Spezialität aus Roter Beete und wie wir glauben viel saurer Sahne, wie alles hier) und auch das Huhn mit Kartoffelstock wirklich gut schmeckte, es war nur einfach viel zu viel…Nach dem Essen fuhren Henrike, Inese (unsere Professorin), Ömar und ich dann mit dem Tretboot raus auf den See. Sehr schön und auch ein wenig anstrengend, aber so ein bisschen Bewegung tat nach dem Essen echt gut. Danach wollten wir noch ein wenig in Aglona rumlaufen, Ömar meinte, er hätte eine Verabredung mit den Sternen, wir brachen das Unternehmen jedoch bald ab, da Henrike sich mit den überaus aggressiven Mücken verständlicherweise nicht anfreunden konnte und es um halb 11 eh noch viel zu hell war, um Sterne zu sehen. Tatsächlich war es dies auch eine Stunde später noch, als Ömar und ich noch mal aufbrachen, um sie zu suchen. Wir haben mehr Störche als Sterne gesehen. Wer braucht schon Light Pollution, wenn es die Weißen Nächte auch ganz natürlich gibt?!

Nach einer erholsamen, jedoch viel zu kurzen Nacht und dem Frühstück ging es dann weiter nach Rezekne- von der Größe gefühlt kaum größer als Waldshut-Tiengen, liegt aber strategisch wichtig und beherbergte eine Burg und das lettgallische Kunst-und Geschichtsmuseum. Die Burgruinen und das Museum schauten wir uns dann auch an und anschließend setzten wir uns in ein Restaurant. Ich konnte immer noch nicht so wirklich was essen aber das war nicht so schlimm, es war schließlich auch verdammt heiß…

Nach dem essen, trinken und vor allem quatschen ging es dann weiter nach Sarkaņi. Dort trafen wir auf einen (gutaussehenden, wie Henrike bestätigen kann) katholischen Pfarrer, der uns die Kirche zeigte. Diese wurde aus Steinen gebaut, die die örtliche Bevölkerung zusammengetragen hat. Ich finde sie wunderschön. Als Showeffekt hat der Pfarrer sogar die Organisten eingeladen und diese spielten für uns. Unter anderem Bach…

Die nächste und vorletzte Station auf unserer Reise durchs Storchenland (ach ja zur Aufklärung: es gibt hier alle 5 m ein bewohntes Storchennest…ich frag mich, weshalb die Menschen hier aussterben… ;-)) war bei dem Borch Schloss. Die Borchs waren eine westfälische Adelsfamilie, die wissenschaftlich sehr aktiv waren. Der Waldpark drumherum war auch sehr schön…

Die letzte Station vor Riga war dann ein jüdischer Friedhof. Von Frieden kann hier aber nicht gesprochen werden: Aggressive Killermücken ließen uns keine Sekunde aus dem Visier. Das führte natürlich dazu, dass wir mehr rannten als anschauen konnten, es war dennoch sehr interessant die jiddischen, hebräischen und/oder russischen Grabinschriften anzuschauen und zu entziffern (die russischen)…

Danach ging es, wie Henrike formulierte, endlich wieder in die Zivilisation ohne Stechmücken. Ich wäre gerne noch etwas geblieben, allerdings nicht im Minibus sondern draußen durch die Wälder spazierend und ohne von Mücken angegriffen zu werden.

Dienstag kamen Anke und Sandra dann zurück. Allerdings traf ich mich erst noch mit Ina, der Mutter von Inga, um mit ihr Russisch zu üben und ihr deutsch näher zu bringen. Das ist trotz 30jähriger Abstinenz noch immer sehr sehr gut… Jedenfalls verpasste ich die Mädels am Flughafen, auch weil Ryanair immer die falsche Ankunftszeit angibt um auch ja pünktlich zu sein. Wir trafen uns dann jedoch später um nach Jurmala an den Strand zu fahren. Allerdings war das Wasser übelst kalt (10°C), sodass wir nicht wirklich schwimmen konnten.

Gestern waren Franzi und ich unterwegs. Wir frühstückten gemeinsam, gingen Second-Hand-Shoppen und trafen uns mit einem Musiker der Band Skyforger zum Interview für Franzi’s Essay. Danach ging ich nach Hause, sie zu Anke um uns für die Oper zu richten. Wir wollten uns halb 6 zum Essen bei Il Patio treffen und danach zur Oper. Als die Ladies 5 vor 6 immer noch nicht da waren, lief ich ins andere Il Patio und verschiedene andere Gaststätten ab, da waren sie auch nicht. Ich hatte natürlich mein Mobiltelefon vergessen, eine geniale Idee…Ich lief also wieder zurück und traf sie endlich, dann mussten wir aber schon los, da die Oper um 7 begann. Da meine Karte noch im Besitz von Linda war, musste ich auf diese warten, die viel zu spät kam. Aber gottseidank hat noch alles geklappt. Die Oper war super. Aida. Ein fantastisches Bühnenbild und Supersänger, nur die Tänzer könnten etwas an der Synchronität arbeiten. Aber so schlimm wie im Chemnitzer Ballett war es nicht. Danach gingen wir ins Ala, wo man jetzt draußen sitzen kann, in der Bar ist es bei diesen Temperaturen nicht auszuhalten, die armen Angestellten… Ein paar Letten sangen und spielten Gitarre, das war sehr schön und erinnerte an Rom 2007, die spanische Treppe…

Heute ist verdammt schönes Wetter und Russischlernen im Park angesagt.

Euch eine schöne Zeit!!!!

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Eine Antwort zu Im Land der 1000 Störche…

  1. andreas kuck schreibt:

    ich finde deinen kommentar zur eu gut! (neben dem foto der zitadelle) das hoert man heute nur noch selten. auch der hinweis wie viel die hollaender in die eu einzahlen, wird wahrscheinlich von so manchem deutschen nicht so gern gehoert. ich schreibe gerade einen text ueber die zitadelle in daugavpils.
    http://www.birzai.de/ziele-in-litauen/daugavpils-stadt-und-fort.html

    vielleicht liest du auch mal diesen artikel von javier cercas ueber die eu:
    http://www.birzai.de/themen-ohne-litauen-bezug/122-die-walküre.html
    gruss,
    andreas

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